Ich habe seit 2 Monaten kein Smartphone mehr. Nach 60 Tagen ziehe ich Bilanz: Was hat sich in meinem Leben dadurch verändert? Warum habe ich das getan? Was ist mit Social Media? Werde ich wieder zurückkehren und was habe ich in dieser Zeit benutzt?
Zuerst fiel Social Media, dann das Smartphone
Zugegeben: Ich war niemals der, der immer dem neuesten Phone-Release nachgelaufen ist. Nicht weil mich Technologie nicht interessiert, sondern weil mich DIESE Technologie nicht sehr interessiert. Für dich ist das vielleicht anders und du hättest so andere Bedingungen, unter denen du den gleichen Versuch durchführen würdest. Bei mir landeten immer die Geräte, die irgendjemand in der Familie nicht mehr wollte. Der Smartphone‑Töter könnte man mich auch nennen. Die Geräte durften bei mir so lange noch in Rente weiterleben, bis sie wirklich nicht mehr zu gebrauchen waren: Nicht nur der Akku war das Problem; die Software konnte bis zu 2 Jahre nicht mehr updaten, weil die Hardware nicht mehr mit den Leistungsansprüchen neuerer Versionen nachkam. Das war nie ein Problem: Das nächste „Abfallphone“ trudelte bereits bei mir ein. Vielleicht bin ich nicht der repräsentativste Smartphone-User, aber die 2 Monate haben mich trotzdem verändert; das hätte ich nicht erwartet.
Meine Geräte waren nie voll mit Apps. Instagram, X (früher Twitter) und ein paar Messenger gehörten zu meinen Standards. Insta benutzte ich, weil ich mir davon mehr Reichweite versprach, die Plattform X für andere Perspektiven auf News und ebenfalls eine gewisse Reichweite und dazu noch Messenger wie Telegram, Signal und WhatsApp. Ich redete mir ein, dass Instagram nur für „Arbeitszwecke“ verwendet wird. Daran kleben geblieben bin ich dann doch. Immer wenn ich Stress hatte oder es mir nicht so gut ging, lenkte Instagram mich ab. Danach fühlte ich mich noch überreizter und noch weniger gut als vorher. Aber es war einfach und lenkte mich schnell ab. Das wollte ich am Ende in der Situation ja auch. Instagram blieb am Ende als längster Gast auf meinem Gerät..
Auf X, was früher Twitter hiess, fand ich auch nicht, was ich wollte. Kryptonews, alternative Ansichten und Menschen, die einen Wandel in der Welt wollten, fand ich dort zur Genüge. Die Zeit, die ich dort verbrachte, half mir in keinem der Felder weiter. Krypto crashte und diejenigen, die einen Wechsel wollten, schienen ständig zwischen rechts und links hin und her zu diskutieren, eine langfristige Lösung kam nicht dabei heraus. X flog, nach WhatsApp als erste App vom Gerät. Zuerst dachte ich, dass ich etwas vermissen werde. Es blieb aber bei diesem Gedanken.
Der Fall des Smartphones
Die Entscheidung dafür, ohne Smartphone zu leben oder aber es nur für einen Monat wegzulassen, kommt mit einigen Nebenwirkungen. Meine Bank akzeptierte plötzlich keine SMS-Verifizierung mehr, nur noch die App. Diese Bank-App macht regelmässige Updates. Ist dein Gerät zu alt, geht einfach nichts mehr. Wir leben sehr abgelegen. Die nächste Post oder Bank, um die Rechnungen zu bezahlen, ist 20 Minuten Autofahrt entfernt. Ich wurde zum Handeln gezwungen.
Dazu kommt, dass der Messenger WhatsApp die heilige Kuh auf Schweizer Handys ist. Das Programm von Meta, denen auch Facebook und Instagram gehören, scheint nicht mehr wegzudenken. Die privaten Kontakte können auch anders gepflegt werden, aber schwierig wird’s, wenn du WhatsApp für die Arbeit brauchst. Navigation ist für mich als fahrendem Kursleiter essenziell. Ältere Navigationsgeräte zeigen oft den Stau nicht an. In der Schweiz ist das häufige Auftreten von Blechschlangen auf Hauptverkehrsrouten, ein echtes Problem geworden. Kaum sagt der Wetterbericht: Es ist der letzte sonnige Tag, obwohl das praktisch nie stimmt, fahren alle los, um diese Sonnenstrahlen, an einem möglichst anderen Ort, als bei ihnen zu Hause, auf ihrer Haut aufzufangen. Stau ist da vorprogrammiert.
Da sind wir schon beim Punkt. Mir ist aufgefallen, dass meine Mitmenschen immer mehr ihrem Taschencomputer vertrauen, als ihrer Fähigkeit, nachzudenken. Sei es beim Stau oder aber beim Wetter. Ich erlebe immer mehr, wie Menschen sich völlig falsch auf ihren Aussenaufenthalt vorbereiten, nur weil ihr Smartphone es ihnen gesagt hat. „Es wird ein sonniger Tag“, sagt die App. Dass sie die Daten aus dem Nachbartal verwendet, weil dort die nächste Wetterstation steht, erwähnt niemand. Lokalwetter ist eine Realität in der Schweiz. 10 Minuten später regnete es in Strömen. Zum Glück hatte ich für meinen werten Kollegen noch eine extra Regenjacke dabei. Die Regenfront war ganz klar zu sehen, doch auf dem Touchscreen schien eine digitale Sonne. Dazu kommen die reduzierte Aufmerksamkeitsspanne und der Fakt, dass viele Apps auch die Doppelfunktion als Spionagesoftware einnehmen können. Daten dazu gibt es viele. Dazu kommt die Abnahme der Fähigkeit, durch Nachdenken selbst auf Lösungen zu kommen. Das Gehirn ist wie ein Muskel.
Die Argumente gegen ein Smartphone sind unglaublich belastend, wenn man sich wirklich einmal damit beschäftigt. Doch irgendwie kommen wir nicht mehr davon weg. Ich fragte mich: Geht es überhaupt noch ohne Smartphone?
Das Experiment
Jetzt wird’s heftig. Aus «Kann man?» wurde «Kann ich?» ohne Smartphone leben? Ich kaufte mir ein Dumbphone (ein Dummphone als Alternative zum Smartphone). Dumbphones können meistens nur SMS, Anrufe und, wenn überhaupt, dann noch Kamera und die aller grundlegendsten Internetfunktionen – genau wie Anfang der 2000er. Bei meinem Vater fand ich noch ein altes Nokia. Mit nostalgischer Vorfreude startete ich den Ziegelstein. Ernüchtert stellte ich fest: Das mit dem Empfang wird schwierig. Den 2G-Mobilfunkstandard gibt es in der Schweiz schon länger nicht mehr. Doch das Gerät funktionierte nur damit. So holte ich mir das Nokia 3210 4G, eine Art Vintage-Remake mit ähnlichen Funktionen, aber aktualisiertem Design, einer mörderschlechten Kamera, umständlicher Tastatur (wie früher) und Snake! Ich liebte es. Nach viel Organisationsarbeit, dem Wechsel zu einer Bank, die noch PhotoTAN anbietet, dem Besorgen eines physischen Navis und der Installation meiner Messenger auf dem PC, konnte das Experiment losgehen.

Was ich nie gedacht hätte: Es war wirklich schwierig! Nicht nur die neu-alte Art der Nachrichten, das ständige Entsperren mit Mitteltaste und , die umständlichere Bedienung und nicht zuletzt, keine iCloud zu haben, mit der ich die Kontakte einfach aufs Gerät importieren konnte, verursachten Herausforderungen, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Dann war da der Impuls nach Ablenkung. Mein neues Handy konnte mir da nicht mehr viel bieten, ausser Snake. Doodle Jump war auch noch drauf. Nach 5 mal Abstürzen musst du aber das Spiel kaufen. Das wollte ich nicht. Snake war gratis, aber ich bin nicht ein grosser Fan davon. Sorry.
Veränderungen in der Aufmerksamkeit
Mir wurde in den letzten 2 Monaten immer mehr bewusst, dass ich mir selbst immer wieder eingeredet habe: Du würdest es locker auch ohne Handy schaffen. Wenn du nicht super lokal vernetzt bist, dann läuft die meiste Kommunikation über das Smartphone.
Egal ob Chor, Turnverein, Arbeit oder Hobbys mit anderen. Das Wichtigste, habe ich aber immer mitbekommen. Ich merkte, wie sehr ich ständig in die Dramen anderer Menschen, sei es auf Social Media, in News-Apps oder in Gruppenchats verwickelt wurde. Die Angst etwas Wichtiges zu verpassen, war tief in mir. In den letzten 2 Monaten fing sie sich aber langsam wieder zu normalisieren. Ich habe mehr mentale Kapazität und ich sehe jetzt viel klarer, welche Beziehungen mir guttun und welche nicht. An der Klarheit arbeite ich schon seit Jahren. Die Zeit ohne das Smartphone, hat mich aber nochmals viel weitergebracht. Der Entzug des schnellen Dopamins durch Social Media und News ist nicht ohne! Man muss lernen, eine Alternative zu finden. Seitdem rauche ich Kette und spüle den Rauchgeruch nachher mit einem kleinen Jägermeister runter. Aber was es, Spass beiseite, mit mir gemacht hat, hatte ich so nicht erwartet.
Die Versuchung: Das Arbeitshandy
Ich habe immer noch ein Smartphone: Mein Arbeitshandy. Alle Arbeitskoordination läuft darüber. Die Versuchung ist gross und ich wurde schwach! Manchmal braucht der PC doch etwas zu lange, um hochzufahren, und das Telefon ist schneller im Internet. Ich scrollte. Doch dann spürte ich eine Veränderung in mir, die ich so noch viel weniger erwartet hätte: Mich langweilten die Dinge, die ich einst zum Ablenken gebraucht hatte. Wirklich! Mir wurde immer mehr bewusst, wie öde ich diese schnelle Unterhaltung fand, wie sehr mein Wesen nach tiefer Auseinandersetzung mit einem Thema trachtete und dass mir die ständigen Newsupdates so auf den S*k gingen. Als würden Sie mich über den iridiumhaltigen Bildschirm förmlich anschreien: KLICK MICH AN!!! Total gruselig eigentlich, wenn man es mit etwas Abstand betrachtet. Findest du nicht? Auch das Arbeitshandy bleibt nun aus, wenn es nicht für die Arbeit verwendet wird.
Fazit: Ja, der Wechsel war schwieriger als gedacht. Bin ich schon völlig sucht frei? Nein, das denke ich nicht. Finde ich Smartphones jetzt alle schlecht? Nein, das tue ich nicht. Hat sich meine Aufmerksamkeit verbessert? Ja, definitiv. Bin ich sozial isolierter? Nein, es gab Umstellungen in der Kommunikation, aber ich habe das Gefühl, mir jetzt noch mehr Zeit für einen guten Austausch zu nehmen. Quality over Quantity. Habe ich ohne Social Media nicht weniger Umsatz? Das kläre ich in einem anderen Beitrag. Gehe ich wieder zurück zum Smartphone? Ich kann das jetzt noch nicht so genau sagen. Vorerst aber noch nicht. Wurde ich zum technologiefeindlichen Hinterwäldler und Fortschrittsverweigerer? Da muss ich etwas ausholen😉
Könntest du ohne Smartphone leben?
Titelbild: Wikimedia / HMD
Bild Nokia 3210 4g: Galaxus.ch